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Pitralon
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Pitralon [] () ist der Markenname eines Rasierwassers, das nach einer Entwicklungszeit von acht Jahren 1927 in Deutschland Marktreife erlangte und seitdem von verschiedenen Herstellern in unterschiedlichen LĂ€ndern und wechselnden Zusammensetzungen produziert und vertrieben wird. Es hat einen hohen Bekanntheitsgrad in ganz Europa und wird darum immer wieder in BĂŒchern, Filmen und Liedern erwĂ€hnt. Die Wortmarke „Pitralon“ wurde 1919 eingetragen, noch vor der MarkteinfĂŒhrung des spĂ€teren Aftershaves. Der Markenschutz fĂŒr den Namen lief am 30. April 2019 aus. „Pitralon“ und seine Rezeptur sind seit 1921 Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen unterschiedlicher Fachrichtungen wie Betriebswirtschaftslehre, Biologie, Chemie, Psychologie, Soziologie, Tiermedizin, Virologie und Zahnmedizin.cite-ref-1[1]

Contents

‱ Literatur
‱ Weblinks

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Geschichte, Zusammensetzung und Nebenprodukte

Zum Ende des Ersten Weltkriegs entwickelten die vom Chemie-Unternehmer Karl August Lingner (1861–1916) begrĂŒndeten „Lingner-Werke“ in Dresden ein antiseptisches Rasurtonikum als nicht marktreifem VorlĂ€ufer des spĂ€teren Rasierwassers und ließen es am 19. April 1919 vorsorglich mit der Bezeichnung „Pitralon“ als Markenname im Deutschen Reich eintragen.cite-ref-2[2] Die „Lingner-Werke“ waren damals bereits mit dem 1892 entwickelten Mundwasser „Odol“ erfolgreich. In der jĂ€hrlichen Firmendokumentation findet sich als erste Beschreibung noch der lateinische Arbeitsname des Produkts und nicht der spĂ€tere Markenname:

„Lingners ‚Pitralum compositum‘: Eine Darstellung aus Nadelholzteer in Verbindung mit Estern und Kohlenwasserstoffen der Fett- und Benzolreihe. Hellgelbe, angenehm riechende FlĂŒssigkeit. Wirkung: Tiefenwirkung, antiphlogistisch, antiparasitĂ€r. Anwendung: Rein.“

–

Firmendokumentation des Jahres 1918 der „Lingner-Werke Actiengesellschaft“, verantwortlich: A. Alexander, F. Winkler, Seite 243.

Der Name entwickelte sich aus der Bezeichnung „Pitral“ fĂŒr ein gereinigtes, geruch- und farbloses Nadelholzöl aus ursprĂŒnglich gelbbraunem und ölhaltigem Nadelholzteer. „Pitralon“ wurde zum Namen fĂŒr eine Verbindung von farblosem Pitral mit Chlorkohlenwasserstoffen. Darauf aufbauend wurde Anfang der 1920er-Jahre das „Pitral-Haarwasser“ (mit und ohne Cholesterin-Zusatz) entwickelt.

„Pitralon“ war eine Produktentwicklung im Zuge der Hygienebewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa einsetzte. Es wurde als neues Produkt in diesem Bereich zuerst in der Allgemeinen medizinischen Central-Zeitung besprochen. Das Grundprodukt „Pitralon“ wurde anfĂ€nglich nicht als Körperpflegeprodukt, sondern als Arzneimittel gegen Trichophyton (Dermatophytosen, also Pilzerkrankungen der Haut sowie von Kopf- und Barthaaren), eitrige Ekzeme, Impetigo contagiosa und infizierte Wunden entwickelt: Die erkrankten Stellen sollten 4- bis 6-mal pro Tag je 5 bis 10 Minuten lang mit einem vollgetrĂ€nkten Wattebausch bedeckt werden.cite-ref-3[3]

Weitere Produkte der „Lingner-Werke“ waren die „Pitralon-Lösung“ aus einer alkoholischen Lösung mit 40 % Pitralon zur Behandlung des Gesichts nach dem Rasieren und zur Desinfektion der HĂ€nde nach dem Umgang mit infektiösem Material. Ferner wurde die Lösung gegen Akne, Insektenstiche und dergleichen empfohlen. Ein weiteres Produkt war die „Pitralon-Salbe“ als alkoholhaltige Emulsion mit 40 % Pitralon gegen Schuppenflechte, die auch bei Haustieren oder in der veterinĂ€rĂ€rztlichen Praxis eingesetzt werden konnte. Die Herstellung dieser beiden Produkte wurde wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs eingestellt und danach nicht wieder aufgenommen.

Neben dem Einsatz in der Tiermedizin wurde „Pitralon“, vor der Weiterentwicklung zum Rasierwasser, in der Humanmedizin angewandt und erprobt. Eine ErwĂ€hnung in einem Jahresbericht des bereits damals bedeutenden Chemie- und Pharmaunternehmens Merck in Darmstadt belegt dies:

„Das ‚Pitralon‘ ist ein PrĂ€parat aus Holzteer. H. Ihlefeldt hat es in der Chirurgie zur Wundbehandlung gebraucht und fand eine außerordentlich starke antiseptische Wirkung. Infektionen, die anderen Behandlungsmethoden wochenlang trotzten, wurden in kurzer Zeit damit ĂŒberwunden. [
]“

–

E. Mercks

Jahresbericht, 1924, Seite 290.

WĂ€hrend der Entwicklungszeit entstanden in den 1920er-Jahren zwei Dissertationen jeweils im Fach VeterinĂ€rmedizin von Werkstudenten an den „Linger-Werken“, welche die frĂŒhe und fachĂŒbergreifende wissenschaftliche Begleitung der Forschung zu „Pitralon“ in den „Lingner-Werken“ belegen. Beide Doktorarbeiten haben den Zweiten Weltkrieg ĂŒberstanden und sind am Standort Leipzig der Deutschen Nationalbibliothek erhalten geblieben.cite-ref-4[4]cite-ref-5[5]

Das 1927 ebenfalls in Dresden entwickelte Rasierwasser desselben Namens enthielt, neben Isopropanol, Menthol, BorsĂ€ure und anderen Bestandteilen der seit 1919 entwickelten und getesteten VorlĂ€uferprodukte, auch Kampfer. Es hatte dadurch einen sehr intensiven, „medizinischen“ und schweren Geruch. Das Aftershave wurde von 1927 bis 1945 in einer dunkelblauen Glasflasche mit schwarzem Etikett verkauft, das in einem roten Kreis den weißen Schriftzug „Pitralon“ zeigte.

In einer Anzeige in der Neuen Bienen-Zeitung von 1943, einer „illustrierten Monatsschrift fĂŒr die Reform der Bienenzucht im Großdeutschen Reich“, wird die Wirkung von „Pitralon“-Rasierwasser wie folgt beworben: „Die Ursache fĂŒr die Entstehung von Pickeln, Pusteln und anderen Hautunreinheiten liegt in den tieferen Hautschichten. Eine in die Tiefe dringende Desinfektion beseitigt diese Erscheinungen. Pitralon wirkt in die Tiefe auch bei sparsamer Anwendung. Es öffnet die Poren und TalgdrĂŒsenausgĂ€nge der Haut, durchdringt die beiden Hautschichten und vernichtet die ins Unterhautzellgewebe eingedrungenen EntzĂŒndungserreger.“ Es ist gekennzeichnet mit dem Hinweis, dass es zur Feldausstattung der Deutschen Wehrmacht gehöre.cite-ref-6[6]

Der medizinische Einsatz von „Pitralon“, inzwischen hauptsĂ€chlich ein etabliertes Rasierwasser, kann letztmals mit dem Lehrwerk Die Wunde des frĂŒheren KZ-Arztes Paul Rostock belegt werden, das 1950 im Verlag Walter de Gruyter in Berlin erschien. In ihm heißt es auf Seite 123 im Abschnitt fĂŒr Benzolderivate: „Das Pitralon, ein Abkömmling des Holzteers, hat eine antiseptische, adstringierende und austrocknende Wirkung erheblichen Grades (Ihlefeldt). Besonders angezeigt ist es bei Wunden mit schmierig belegten Granulationen und starker Sekretion.“ Nach 1950 erfolgte der Paradigmenwechsel zum reinen Pflege- und Kosmetikprodukt fĂŒr Herren.

Produktion nach dem Zweiten Weltkrieg und Nebenlinien

In der Bundesrepublik Deutschland wurde ab 1950 bei der Firma „Lingner und Fischer“ – der Rechtsnachfolgerin der Dresdner „Lingner-Werke“ nach dem Zweiten Weltkrieg, die nun in der DDR lagen – am neuen Firmensitz in DĂŒsseldorf ein Rasierwasser unter dem Namen „Pitralon“ hergestellt, das unverĂ€ndert der originalen Rezeptur von 1927 entsprach.cite-ref-7[7] Ein Werbeplakat fĂŒr dieses „Pitralon“ aus dem Jahr 1951 befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek.cite-ref-8[8] Eine Anzeige von 1952 fĂŒhrt hinsichtlich des Dufts aus: „Der Pitralon=Geruch [sic!] schmeichelt nicht, er hat eine gesunde, mĂ€nnliche Note.“; zugleich wird darauf verwiesen, dass es fĂŒr empfindliche Haut die Variante „Pitralon=Mild“ [sic!] gebe. Die Anzeige, die Teil einer Serie von acht unterschiedlichen Zeitungsanzeigen war, benennt auch die damaligen Verkaufspreise: 1,70 DM fĂŒr die 50-ml-Flasche, 2,75 DM fĂŒr die 80-ml-Flasche und 4,50 DM fĂŒr die 100-ml-Flasche.cite-ref-9[9]

Der im vorigen Abschnitt beschriebene herbe, „medizinische“ Duft aufgrund der beiden wichtigen Komponenten BorsĂ€ure und Kampfer entsprach ab Mitte der 1970er-Jahre nicht mehr dem Zeitgeist (sinkende Verkaufszahlen), weswegen nur das abgewandelte Produkt „Pitralon Classic“ weitergefĂŒhrt wurde, das 1964 mit Zedernöl und einer frischen Zitrusnote ergĂ€nzend hinzugekommen war und bis heute auf dem Markt ist.cite-ref-10[10] Als hauseigene Nebenlinie zu „Pitralon“ entwickelte „Lingner und Fischer“ die Marke Pitrell. Dabei handelte es sich um ein Rasierwasser mit einer stĂ€rkeren Betonung der Zitrusnote. Verkauft wurde es von 1973 bis 1989 unter dem Namen „Pitrell – Nach der Elektrorasur“ (100 ml) in einer sechseckigen klaren Glasflasche mit einem großen braunen Kunststoffdrehverschluss als Aftershave speziell fĂŒr die Benutzer von elektrischen Rasierapparaten. Der EinfĂŒhrungspreis betrug 5,20 DM und war damit bereits im mittleren Preissegment anzusiedeln.

In der DDR wurde in den „Leowerken“ und im „VEB Elbe-Chemie“ in Dresden (den frĂŒheren „Lingner-Werken“) ab 1953 „Pitralon“ ebenfalls nach dem Originalrezept von 1927 bis zum Jahr 1990 hergestellt. Im „VEB Gerana-Kosmetik“ im „VEB Chemisches Kombinat Miltitz“, ebenfalls in Dresden, wurde in den 1970er-Jahren parallel dazu Pitralon 113 als einzige DDR-Neuentwicklung produziert. In diesem Produkt war ein Teil des Ethanols durch das FCKW Freon-113 (1,1,2-Trichlor-1,2,2-trifluorethan) ersetzt. Der offenkundige Wortmarkenkonflikt mit dem Rechtsnachfolger „Lingner und Fischer“ im Westen wurde von beiden Seiten ignoriert; es ist keine Korrespondenz diesbezĂŒglich im Bundesarchiv nachweisbar.

In der Tschechoslowakei wurde ab 1954 ein Rasierwasser mit dem Namen Pitralon F – voda po holenĂ­ [] () hergestellt (durch den Zusatz „F“ im Produktnamen wurde einem Wortmarkenkonflikt vorgebeugt; voda po holenĂ­ bedeutet schlicht „Rasierwasser“ auf Tschechisch und ist Bestandteil des Markennamens), das noch heute mit unverĂ€nderter Rezeptur in Tschechien vom Hersteller „SpolPharma, s.r.o.“ aus ÚstĂ­ nad Labem als FlĂŒssigkeit ohne Farbstoff in 100-ml-Flaschen angeboten wird.cite-ref-11[11]cite-ref-12[12] Es enthĂ€lt weder BorsĂ€ure noch Kampfer, dennoch Ă€hnelt es vom Duft her einem Medizinprodukt. Dies ist auf die duftgebenden Inhaltsstoffe Citronellol, Geraniol und Linalool zurĂŒckzufĂŒhren, die wĂ€hrend des Entwicklungsprozesses der Rezeptur Mitte der 1950er-Jahre in der Tschechoslowakei verfĂŒgbar waren und nicht gegen Devisen importiert werden mussten: Die Rezeptur von „Lingner und Fischer“ aus dem Westen lag dem tschechischen Hersteller nicht vor und auch die DDR teilte ihre Rezeptur nicht, die sie durch die „Lingner-Werke“ besaß. Es handelt sich darum bei „Pitralon F – voda po holení“ um eine Neuentwicklung, die nur zufĂ€llig vom Geruch eine Ähnlichkeit mit der Original-Rezeptur von 1927 aufweist. Die Marke „Pitralon“ war schon vor dem Krieg bekannt und diente deswegen als Inspiration fĂŒr dieses Produkt, das im gesamten Ostblock ĂŒber Jahrzehnte in hohen StĂŒckzahlen verkauft wurde und fĂŒr die fortschreitende Etablierung des Markennamens „Pitralon“ auch in Ost-Europa sorgte.

Der damals eigenstĂ€ndige Parfumhersteller Jovan in Baden-Baden („Jovan“ gehört heute als Kosmetikmarke zu „Unilever“) produzierte in den 1970er-Jahren (lizenziert durch „Lingner und Fischer“) ein Rasierwasser und ein Eau-de-Toilette mit dem Namen „Pitralon Moschus“. Bei dieser Nebenlinie des Produkts wurden die ab den 1960er-Jahren populĂ€r gewordenen leichten Zitronenduftnoten durch einen schweren Moschusduft ersetzt, der in den 1970er-Jahren als Herrenduft beliebt war.

Im Jahr 1990 ĂŒbernahm „SmithKlineBeecham“ (heute „GlaxoSmithKline Deutschland“) mit Sitz in Hamburg die Marke „Pitralon“ und verkaufte sie 1993 an das Unternehmen „Sara Lee Deutschland GmbH“ mit Sitz in Mainz. Ab diesem EigentĂŒmerwechsel wurde kurze Zeit in Deutschland eine Variante hergestellt, die sich „Pitralon fresh @ work“ nannte,cite-ref-13[13] Zugleich begann die „Sara Lee Household and Body Care Schweiz AG“ in Lupfig (Kanton Aargau) mit der Herstellung einer Variante, die in modifizierter Form die Rezeptur von „Lingner und Fischer“ aus den 1950er-Jahren bzw. von 1927 aufgriff. FĂŒr den österreichischen Markt produzierte „Sara Lee Household & Body Care Österreich AG“ die deutsche „Pure“-Variante unter der Bezeichnung „Pitralon Original“ in identischer Zusammensetzung.cite-ref-14[14] Daneben wurden wĂ€hrend der „Sara Lee“-Zeit Eau-de-Toilettes, Handseifen und Duschgels mit „Pitralon-Duft“ hergestellt und vertrieben.

Seit 2010 ist „Sara Lee“ nicht mehr die Produzentin von Pitralon, weil die gesamte Körperpflegesparte in dem Jahr an „Unilever“ verkauft wurde. Bis auf die Variante „Pitralon fresh @ work“ und die nicht der Gesichtspflege dienenden Produkte wurden alle „Sara Lee“-Entwicklungen beim EigentĂŒmerwechsel beibehalten; der Standort fĂŒr die Produktion von „Pitralon 160 ml“ wurde verlegt, verblieb aber in der Schweiz.

Unilever veröffentlichte im Juli 2013 erstmals die grundsĂ€tzliche anteilige Zusammensetzung der beiden damaligen „Pitralon“-Standardvarianten: Demnach bestanden das Aftershave und das Pre-Shave aus maximal 90 % Alkohol, maximal 25 % weiteren Inhaltsstoffen wie hautpflegenden Substanzen, Lösungsvermittlern, Pflanzenextrakten und Feuchtigkeitsmitteln, zu 10 % aus ParfĂŒmölen, zu maximal 1 % Farbstoffen und einem diesen Grundstoff ergĂ€nzenden Wasserzusatz von 100 %, also der Menge der Summe aller vorgenannten Stoffe.cite-ref-15[15] Die exakte Zusammensetzung wurde nicht bekannt gegeben und blieb ein Firmengeheimnis.

„Unilever“ trennte sich 2014 von der Marke „Pitralon“. Seitdem werden alle Produkte der „Pitralon“-Linie von „Labori International BV“ mit Sitz in Breda in drei Varianten in den Niederlanden hergestellt, wobei der „Unilever“-Produktionsstandort in der Schweiz fĂŒr „Pitralon 160 ml“ als vierte Variante ĂŒbernommen wurde. Eigentumsrechtlich gehört „Labori International BV“ der Investmentgesellschaft „Glacier Bay Invest BVBA“, die im belgischen Schilde bei Antwerpen ansĂ€ssig ist.

Das in Kroatien von der Firma „Atlantic Grupa D. D.“ mit Sitz in Zagreb produzierte und dort in 50- und 85-ml-Flaschen angebotene Rasierwasser Ralon [] () wird als einziges heute angebotenes Produkt nach der deutschen Originalrezeptur von 1927 hergestellt und enthĂ€lt darum auch BorsĂ€ure und Kampfer, worauf der – aufgrund des bis 2019 bestehenden Markenschutzes verkĂŒrzte – Produktname sowie die historisierende Verpackungsgestaltung Hinweise geben sollen. Der Produzent vermeidet es aus juristischen GrĂŒnden auf der Homepage fĂŒr die „Ralon“-Produkte Hinweise auf „Lingner und Fischer“, „Pitralon“ und dessen Rezeptur von 1927 zu nennen. Sie werden darum nicht als „medizinisch“ oder „herbe“ beschrieben, sondern als „Duft nach rauchigem Leder, das durch Flieder-, Palisander-, Rosen- und Thymian-Duft sowie eine Zimtnote ergĂ€nzt wird“.cite-ref-ralon-16-0[16] Weitere Produkte der „Ralon“-Linie sind „Ralon Sport“ (85-ml-Flasche) und die „Ralon Shaving Cream“, eine Rasiercreme in der 70-ml-Tube.cite-ref-ralon-16-1[16]

Pitralon-Varianten des derzeitigen Wortmarkeninhabers

Die Variante „Pitralon Classic“ (grĂŒner Flaschenverschluss, grĂŒnes Etikett) wird in Deutschland und den Niederlanden vertrieben. Sie ist heute zwar die „dienstĂ€lteste“ Pitralon-Variante, die aber erst seit 1964 auf dem Markt ist, obwohl sich auf der Verpackung der Hinweis „seit 1927“ befindet, der sich darum nur auf den Namen und nicht auf die Rezeptur beziehen kann. Neben der Aftershave-Lotion gibt es seit den 1970er-Jahren ergĂ€nzend eine Preshave-Lotion unter demselben Namen und in gleicher Verpackung fĂŒr den Einsatz vor einer elektrischen Rasur. Die Variante „Pitralon Pure“ (schwarzer Flaschenverschluss, rotes Etikett) wird in Deutschland, Österreich (dort unter dem Namen „Pitralon Original“) und den Niederlanden vertrieben. Die Variante „Pitralon Polar“ (schwarzer Flaschenverschluss, hellblaues Etikett) wird in Deutschland, Österreich und den Niederlanden vertrieben.

Obige drei Varianten haben nichts mit der Originalrezeptur von 1927 gemeinsam, sondern sind Neuentwicklungen, die aktuell in den Niederlanden hergestellt werden. Charakteristisch fĂŒr diese ist die Verwendung von natĂŒrlichem Zedernöl, das den typischen Duft der Anfang der 1960er-Jahre entwickelten „Pitralon“-Varianten ausmacht, und kein historischer Bestandteil von „Pitralon“ ist.

Das Produkt, das laut Herstellern der Originalrezeptur nachempfunden sein soll, wird unter der Bezeichnung „Pitralon 160 ml“ in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz vertrieben. Es enthĂ€lt – im Gegensatz zum im vorherigen Abschnitt erwĂ€hnten kroatischen „Ralon“ – weder BorsĂ€ure noch Kampfer, womit zwei zentrale Komponenten der Rezeptur von 1927 fehlen. Die MarkteinfĂŒhrung erfolgte 1993, als die Marke „Pitralon“ zum Hersteller „Sara Lee“ gehörte. WĂ€hrend der „Unilever-Phase“ (2010/2011) wurde dieses Rasierwasser von „Unilever Schweiz“ in Thayngen (Kanton Schaffhausen) weiter produziert und der vorherige Produktionsstandort in Lupfig (Kanton Aargau) aufgegeben. Der derzeitige niederlĂ€ndische Markenrechtsinhaber und Hersteller „Labori International BV“ hat den Standort in der Schweiz von „Unilever“ ĂŒbernommen und fĂŒhrt die dortige Produktion weiter. Eine Flasche dieses „Pitralons“ kostet etwa viermal mehr (Stand: 2018) als die zuvor genannten Varianten. Es ist damit das mit Abstand teuerste Produkt der Marke und wird in einer historisierenden bauchigen, braunen Flasche mit einem großen, kreisförmigen, roten Etikett und schwarzem Drehverschluss aus Kunststoff verkauft. Diese Variante wird als „Schweizer Pitralon“ („BerĂŒhmtes Schweizer Rasierwasser mit unaufdringlichem Duft.“)cite-ref-17[17] oder „Original Schweizer Pitralon“ („[
] diese Original Schweizer Rezeptur des weltbekannten PITRALON unterscheidet sich wesentlich von der modernen deutschen Variante mit Zedernduft.“, die Produktbeschreibung endet mit dem schweizerdeutschen Schlusssatz: „Me gschpĂŒĂŒrt, wie’s wĂŒrkt.“)cite-ref-18[18] beworben. Der Zusatz „Original“ ist insofern irrefĂŒhrend, weil es sich bei diesem Produkt, wie oben ausgefĂŒhrt, aufgrund fehlender Inhaltsstoffe nicht um die Original-Rezeptur der „Lingner-Werke“ von 1927, sondern um eine Neuentwicklung aus den 1990er-Jahren des damaligen Produzenten „Sara Lee“ handelt. Der Aussage zur „modernen deutschen Variante mit Zedernduft“ ist gleichfalls zu hinterfragen, da dieses heute als „Standard-Pitralon“ in Deutschland erhĂ€ltliche Rasierwasser seit mehr als 50 Jahren in unverĂ€nderter Rezeptur auf dem Markt ist; es wurde 29 Jahre vor dem „Pitralon“ aus der Schweiz auf den Markt gebracht, weswegen es nicht als „modern“ im Vergleich mit dem Produkt aus der Schweiz bezeichnet werden kann. Zudem ist der Begriff „Zedernduft“ falsch, weil der Duft des „Standard-Pitralons“ durch Zitrusöl entsteht, das beigefĂŒgte Zedernöl ist geruchsneutral.

Der aktuelle Hersteller „Labori International BV“ bietet innerhalb seiner Pitralon-Produktreihe mit „Pitrell von Pitralon – VOR der Elektrorasur“ eine weitere Variante als Pre-Shave an, die in Österreich und der Schweiz vertrieben wird.cite-ref-19[19] Es orientiert sich in der Zusammensetzung am Rasierwasser der 1973 von „Lingner und Fischer“ eingefĂŒhrten Nebenlinie zu „Pitralon“. Um die Änderung in der Anwendung hervorzuheben (ein Pre-Shave statt eines After-Shaves), wird das „vor“ in Versalien geschrieben.

PopulÀrkultur

Das Aftershave „Pitralon“ wird in einigen Romanen und Liedern erwĂ€hnt.

Der deutsche RAF-Terrorist Andreas Baader verwendete „Pitralon“ in den 1960er- und 1970er-Jahren als Aftershave. Er kaufte es nachweislich auf der Flucht in einer Drogerie in Frankfurt und ließ es sich spĂ€ter mehrfach in die Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim liefern.cite-ref-20[20]

Im Jahr 1982 stutzte sich der deutsche Fußballnationalspieler Paul Breitner vor der Fußball-Weltmeisterschaft im Rahmen einer Werbekampagne fĂŒr „Pitralon“ seinen Vollbart zu einem Schnurrbart und erhielt dafĂŒr 150.000 DM.cite-ref-21[21]cite-ref-22[22]

Zudem ist „Pitralon“ der Name einer Rock- und Countryband, die ihren Namen vom gleichnamigen Aftershave abgeleitet hat und darum auf ihrer Website ein historisches Werbeplakat fĂŒr „Pitralon“ prĂ€sentiert.cite-ref-23[23]

In Sachsen wurde 2014 eine Autoschieber-Bande aus Tschechien verurteilt, die jahrelang in den Medien als „Pitralon-Bande“ bezeichnet wird.cite-ref-24[24]

Otto Waalkes erwĂ€hnte „Pitralon“ als letztes alkoholisches Mittel in seinem Lied „Grund zum feiern“.

Die bekannte Schweizer Musikgruppe Patent Ochsner (MTVunplugged) erwĂ€hnt „Pitralon“ in ihrem Song Herr FlĂŒhmann (Album: Finitolavoro – The Rimini Flashdown Part III) mit dem Text: „schwĂŒmmt es paar lĂ€ngine im pitralon & macht sech uuf, d wĂ€ut gah z erobere“ zu Deutsch: „schwimmt ein paar LĂ€ngen in Pitralon und macht sich auf, die Welt zu erobern“.

Ebenfalls erwĂ€hnt wird es mit dem Satz „Ich betrete voll Elan den Tanzsalon, eingehĂŒllt in eine Wolke Pitralon.“ in dem Lied MĂ€rchenprinz der österreichischen Pop-Rock-Band EAV.

Literatur

‱ Martina Chalupa: Motivation und Bindung von Mitarbeitern im Darwiportunismus. Motivations- und Bindungsstrategien fĂŒr Mitarbeiter in einer darwiportunistischen Arbeitswelt. Eine empirische ÜberprĂŒfung der DWP-Thesen. Abschnitt zu „Sara Lee“ und „Pitralon“ (Seite 82). Dissertation an der UniversitĂ€t des Saarlandes. Hampp-Verlag MĂŒnchen, 2007. ISBN 978-3-86618-178-6.
‱ Pavel Cingl: Pitralon. Pijavice-Verlag, Prag 2012. ISBN 978-80-905164-1-0.
‱ Ernst Dilger: Untersuchungen ĂŒber Pitralon. Dissertation an der tierĂ€rztlichen FakultĂ€t der Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t, Berlin. Stolp in Pommern, 1921. Keine ISBN.
‱ Ulrich Giersch: Katalog zur Ausstellung Schmerz lass nach: Drogerie-Werbung der DDR im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, 1992. ISBN 9783928710015.
‱ Peter Erik Hillenbach: Gebrauchsanweisung fĂŒr das Ruhrgebiet. Kapitel „Unsere MĂ€nner riechen nach Pitralon“. Piper-Taschenbuch, 2009. ISBN 978-3492275903.
‱ Gehe und Co., Dresden: Gehes Codex der pharmazeutischen SpezialprĂ€parate mit Angaben ĂŒber Zusammensetzung, Indikationen, Zubereitungsformen und Hersteller. Eintrag zu „Pitralon“ (Seite 763). University of Michigan, 1926. Keine ISBN.
‱ Helene Karmasin: Produkte als Botschaften. Konsumenten, Marken und Produktstrategien. Kapitel „Beispiel: Pitralon“ (Seite 402 ff.). 4. Auflage, mi-Fachverlag, 2007. ISBN 978-36-360310-0-6
‱ Helene Karmasin: Wahre Schönheit kommt von außen. Abschnitt „Pitralon“. Ecowin Verlag, Salzburg 2011. ISBN 9783711000064.
‱ Kurt Keller: Über die Behandlung von Hauterkrankungen der Haustiere mit Pitralon und Pitralonsalbe. Königliche TierĂ€rztliche Hochschule zu Dresden. Verlag MĂŒller, 1923. Keine ISBN.
‱ Rudolf Mocker: Pitralon in der tierĂ€rztlichen Klein-Chirurgie. VeterinĂ€rĂ€rztliche Dissertation an der UniversitĂ€t Leipzig. Lucka in ThĂŒringen, 1927. Keine ISBN.

Weblinks

Commons

: Pitralon

– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

‱ Offizielle deutsche Website pitralon.com

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Schweizerische Monatsschrift fĂŒr Zahnheilkunde (1925), Band 35, Seite 6: Dr. JĂ€ger schildert seine Erfolge beim Einsatz von „Pitralon“ in der Zahnheilkunde (1921).
cite-note-22. ↑ Markenregister-Eintrag fĂŒr „Pitralon“ beim Deutschen Patent- und Markenamt, abgerufen am 2. Februar 2016.
cite-note-33. ↑ Allgemeine medizinische Central-Zeitung, Artikel Ueber Pitralon [sic!] von Prof. Dr. Hahn und Assistenzarzt F. Hahnemann, Bremen. Ausgabe 8. Band 90, 1927.
cite-note-44. ↑ Katalogeintrag bei der Deutschen Nationalbibliothek zur Dissertation von Ernst Dilger von 1921, abgerufen am 26. November 2017.
cite-note-55. ↑ Katalogeintrag bei der Deutschen Nationalbibliothek zur Dissertation von Rudolf Mocker von 1927, abgerufen am 26. November 2017.
cite-note-66. ↑ Neue Bienen-Zeitung, Ausgabe Mai 1943, Anzeige der „Lingner-Werke“ auf der Seite 32.
cite-note-77. ↑ Firmengeschichte GlaxoSmithKline, abgerufen am 1. Februar 2016.
cite-note-88. ↑ Katalogeintrag zum Plakat von 1951 in der Österreichischen Nationalbibliothek, abgerufen am 26. November 2017.
cite-note-99. ↑ Ganzseitige Werbeanzeige von „Lingner und Fischer“, 1952.
cite-note-1010. ↑ Artikel „Über Pitralon“ des aktuellen Herstellers, abgerufen am 31. Januar 2016.
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cite-note-1313. ↑ Abbildung einer Verpackung und Flasche der Variante „Pitralon fresh @ work“, abgerufen am 3. Februar 2016.
cite-note-1414. ↑ Martina Chalupa: Motivation und Bindung von Mitarbeitern im Darwiportunismus. Motivations- und Bindungsstrategien fĂŒr Mitarbeiter in einer darwiportunistischen Arbeitswelt. Eine empirische ÜberprĂŒfung der DWP-Thesen. Dissertation an der UniversitĂ€t des Saarlandes. Seite 82.
cite-note-1515. ↑ Gruppenmerkblatt fĂŒr kosmetische Artikel 4.7 (Pitralon) (Memento des Originals vom 1. Dezember 2017 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/unilever-media.com von Unilever (Denise Obermann), veröffentlicht am 5. Juli 2013, abgerufen am 26. November 2017.
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cite-note-2424. ↑ Artikel in der SĂ€chsischen Zeitung vom 24. Dezember 2014 von Alexander Schneider: „Das Ende der Pitralon-Bande“, abgerufen am 23. November 2018.